In der Forstwirtschaft wird seit Jahrzehnten mit Benzin und Diesel gearbeitet: Harvester, Skidder, Traktoren, Motorsägen, Freischneider, Heckenscheren, Laubbläser, kleine Aggregate – der Verbrenner gilt als robust, ausdauernd und „immer einsatzbereit“. Doch die Akkutechnologie hat in den letzten Jahren einen Sprung gemacht. Aus den früher eher schwachen „Gartenakkus“ sind professionelle Energiesysteme geworden, die in bestimmten Anwendungen bereits heute gleichziehen – und in einigen Bereichen den Verbrenner mittelfristig deutlich verdrängen werden. Entscheidend ist dabei nicht die Frage „Akku oder Benzin?“, sondern: Für welche Tätigkeit, in welcher Umgebung, mit welchen Einsatzzeiten und logistischen Rahmenbedingungen?
Wo Akkus Verbrenner am schnellsten ablösen werden
1) Pflegearbeiten, Jungbestandspflege und kommunale Forstarbeiten
Die größte Verdrängung ist dort zu erwarten, wo viele kurze, wiederkehrende Einsätze anfallen: Jungbestandspflege, Freischneiden entlang von Wegen, Pflege von Rückegassen, Entfernen von Stockausschlägen, leichte Entastung, Hecken- und Gebüschpflege in Waldrandbereichen. Akkugeräte punkten hier gleich mehrfach: Sie starten sofort, brauchen keine Warmlaufphase und kein Gemisch, sind im Teillastbetrieb effizient und verursachen weniger Lärm. Gerade bei Arbeiten in der Nähe von Siedlungen, Erholungswäldern oder Naturschutzgebieten zählt das. Weniger Lärm bedeutet weniger Konflikte – und oft auch flexiblere Arbeitszeiten.
2) Arbeiten mit hohen Anforderungen an Ergonomie und Gesundheitsschutz
Vibrationen, Abgase und Lärmbelastung sind zentrale Themen im Forst. Akkugeräte erzeugen lokal keine Abgase, und die Geräuschkulisse ist deutlich geringer. Das ist nicht nur „angenehm“, sondern kann sich auf Pausenregelungen, Einsatzplanung und langfristig auf Gesundheitsrisiken auswirken. Besonders bei Motorsägen, Freischneidern und Heckenscheren ist das relevant, weil diese Geräte häufig über längere Zeit am Stück geführt werden. Auch die Reduktion von Benzindämpfen beim Tanken und Mischen fällt im Alltag ins Gewicht.
3) Spezialisierte Einsätze: Innenbereiche, Tunnel, Lagerhallen, Wildgatter, Sägewerk-Nähe
Sobald Arbeiten in schlecht belüfteten Bereichen stattfinden (z. B. Holzlagerhallen, Unterstände, Werkstattnähe, manche Wildgehegeanlagen), wird der Akku nahezu alternativlos. Die lokale Emissionsfreiheit ist ein starkes Argument – nicht nur aus Umwelt-, sondern aus Arbeitsschutzgründen. In solchen Szenarien ist die Frage oft nicht „ob“, sondern „wann“.
4) Betriebe mit guter Lade- und Logistikinfrastruktur
Überall dort, wo Fahrzeuge täglich zum Betriebshof zurückkehren, wo es Stromanschlüsse, Ladeplätze und feste Abläufe gibt, wird Akku schneller zur Standardlösung. Das gilt besonders für kommunale Forstbetriebe, Dienstleister mit klaren Touren oder größere Forstunternehmer mit zentraler Materiallogistik. Wer Akkus über Nacht lädt, Wechselakkus vorhält und Ladegeräte in Fahrzeugen integriert, kann den Verbrenner im Tagesgeschäft stark zurückdrängen.
Welche Bereiche länger beim Verbrenner bleiben – und warum
1) Dauer-Hochlast und „Energie am Stück“
Fällarbeiten mit großer Schnittleistung über viele Stunden, intensives Entasten bei starkem Holz, lange Einsätze weitab jeder Infrastruktur: Hier zählt Energiedichte und schnelle „Betankung“. Ein Kanister bringt in Minuten wieder volle Reichweite, während Akkus geladen oder gewechselt werden müssen. Akkus können das zwar mit genügend Wechselpacks und konsequenter Logistik abfedern, aber es ist teuer in der Anschaffung und schwer im Gewicht. In abgelegenen Revieren ohne sichere Lademöglichkeit bleibt der Verbrenner daher länger.
2) Extremwetter, sehr tiefe Temperaturen und unplanbare Einsätze
Moderne Akkus funktionieren auch im Winter, aber Kälte kann Reichweite und Ladefähigkeit beeinträchtigen. Für Notfalleinsätze nach Sturmereignissen (Windwurf) oder bei langen Rettungs- und Räumketten sind Verbrenner heute oft noch die „sicherste Bank“. Allerdings holen Akkus auf: beheizte Akkutaschen, optimierte Zellchemie und Lade-Management reduzieren die Nachteile.
3) Schwergerät und mobile Energieversorgung
Harvester, Forwarder, große Seilkrananlagen und schwere Winden werden nicht kurzfristig vollständig elektrifiziert, weil die benötigten Energiemengen enorm sind. Hier sind eher Hybridlösungen (z. B. elektrische Nebenaggregate, Rekuperation, optimierte Hydraulik) realistisch, während Handgeräte deutlich schneller umstellen.
Der wahrscheinliche Weg: Akku dominiert Handgeräte, Verbrenner bleibt Nische
In den nächsten Jahren wird die Akkutechnologie vor allem bei Handgeräten zur dominanten Lösung werden – zuerst bei Freischneidern, Heckenscheren, Blasgeräten und leichten Sägen für Pflegeeinsätze. Bei Motorsägen ist die Entwicklung besonders spannend: Im Bereich leichter bis mittlerer Sägearbeiten sind Akkus bereits sehr konkurrenzfähig, weil Elektromotoren ein hohes Drehmoment liefern, weniger Wartung brauchen (kein Vergaser, keine Zündkerze, keine Kraftstoffprobleme) und die Bedienung vereinfacht ist. Für reine Fäll- und Starkholzarbeit im Dauereinsatz werden Verbrenner voraussichtlich länger relevant bleiben – aber eher als Spezialwerkzeug, nicht als Standard. Die Hersteller Stihl und Husqvarna haben mit ihren großen Akkusägen MSA 300 von Stihl und 550iXP von Husqvarna bereits konkurrenzfähige Produkte auf dem Markt, die problemlos als Fällsäge und für sonstige größere Schnitte genutzt werden können.
Was den Umstieg zusätzlich beschleunigt
Drei Faktoren werden die Ablösung spürbar treiben: Regulierung und Emissionsanforderungen, Total Cost of Ownership (weniger Wartung, weniger Ausfall durch Kraftstoffprobleme) und Betriebslogistik. Sobald ein Betrieb merkt, dass ein einheitliches Akkusystem über mehrere Geräte hinweg funktioniert – und die Akkus im Alltag zuverlässig durchgetauscht und geladen werden können – kippt die Entscheidung häufig zugunsten des Akkus. Dann ist Benzin nicht mehr „normal“, sondern das Backup für Sonderfälle.
Unterm Strich gilt: Die Forstwirtschaft wird nicht über Nacht vollständig elektrisch. Aber in vielen Bereichen wird der Akku den Verbrenner verdrängen, weil er den Arbeitsalltag messbar erleichtert: leiser, sauberer, wartungsärmer und bei Pflege- und Routineeinsätzen zunehmend leistungsfähig genug. Benzin bleibt dort, wo maximale Energie auf Dauer und völlige Unabhängigkeit von Infrastruktur entscheidend sind – doch der „Default“ bei Handgeräten wird sich Schritt für Schritt Richtung Akku verschieben.
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